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Fahrzeuge/Oldies

Karmann Ghia Typ 34

Karmanns Großer

Ein halbes Jahrhundert Jahre Karmann Ghia Typ 34

Mit dem Bau des Käfer Cabriolet und des Karmann Ghia 1200 Typ 14 auf Käfer-Basis ist Wilhelm Karmann, der Sohn des Firmengründers des Osnabrücker Karosseriebauers, ein wichtiger Partner für Volkswagen geworden. Außerdem pflegt er Ende der 1950-er Jahre einen guten Kontakt mit den Wolfsburgern. So erfährt er frühzeitig, dass am Mittellandkanal der Vorstoß in die automobile Mittelklasse gewagt werden soll: Mit dem geplanten Volkswagen Typ 3 – als Volkswagen 1500 und später als 1600 bekannt geworden – bleiben die Wolfsburger dem Prinzip der Luftkühlung und des im Heck angeordneten Boxermotors treu. Allerdings bietet die Kunden größere Karosserie mehr Platz – und auch ein wenig mehr Status.

Für Karmann liegt im neuen Fahrzeug die Chance, auf der neuen Basis ein – ebenfalls größeres – Coupé zu entwickeln. Aus Turin, dem Sitz des Designstudios Ghia unter der Leitung von Luigi Segre, werden bereits kurz nach der Präsentation des „Ur-Karmann Ghia“ Typ 14 zahlreiche Entwürfe für einen möglichen Nachfolger nach Osnabrück geschickt. Segre möchte In persönlichen Briefen Wilhelm Karmann für eine – in seinen Augen – modernere Form gewinnen. Karmann lässt sich überzeugen, dass der Typ 14 Ende der Fünfziger Jahre nicht mehr dem aktuellen Designideal entspricht. Mit kantigerer Form und dem Plus an Innenraum erscheint ihm der Karmann Ghia-Nachfolger durchaus erfolgversprechend.

In Wolfsburg sieht man das differenzierter. Hier fühlt man sich der Kontinuität verpflichtet, obendrein verkauft sich der Typ 14 bestens. Allerdings ist man bei Volkswagen durchaus offen für ein größeres Coupé. Mit dem will man Aufsteiger vom Karmann Ghia 1200 bei der Marke halten. Der Chef im Volkwagen-Werk, Professor Heinrich Nordhoff, gibt grünes Licht für Entwicklung und Produktion eines „großen Karmann“. Allerdings ist er nicht hundertprozentig vom Verkaufserfolg überzeugt und äußert seine entsprechenden Bedenken. In Osnabrück hingegen wird Karmann schon frühzeitig in die Entwicklung des Typ 3 eingebunden. Unter dem Projektnamen „Lyon“ entsteht aus vorhandenen Entwürfen aus Turin der Karmann Ghia 1500 Typ 34. Im Designstudio Ghia ist Sergio Sartorelli der verantwortliche Designer. Er hat bereits den „kleinen“ Karmann elegant eingekleidet.

Amerikanisches Vorbild für italienisches Design

Sartorelli schielt für seine Karosserieentwurf schielt über den Großen Teich, in die USA. Dort hat Chevrolet das Käfer-Prinzip eines luftgekühlten Boxermotors im Heck in eine andere Dimension übertragen. Mit dem sechszylindrigen Corvair präsentiert das Unternehmen ein – für amerikanische Verhältnisse – relativ kompaktes und schon fast revolutionäres Automobil.

Die Technik des Corvair ist neu, und auch sein Design ist einzigartig. Eine umlaufende Sicke teilt die Karosserie streng horizontal. Runde Heckleuchten und die markanten Doppelscheinwerfer an der Front machen aus dem Corvair mit seinen klaren Linien aus Detroit einen echten Exoten in der Masse der barocken und teils etwas schwülstigen Heckflossen-Karossen.

Sergio Sartorelli ist von der neuen Formensprache – ebenso wie manch anderer Kollege in europäischen Design-Studios – begeistert. Ursprünglich sieht sein Entwurf für den Nachfolger des Karmann Ghia ebenfalls eng beieinander liegende Doppelscheinwerfer vor. Diese lassen sich wegen der damaligen deutschen
Zulassungsvorschriften aber nicht umsetzen. So rückt das innere Scheinwerferpaar in Richtung Fahrzeugmitte, prägnant von Sicken umrundet. Der Typ 34 verzichtet auf die „Nüstern“ des kleinen Karmann und bekommt (s)eine markante Front.

Die umlaufende Corvair-Sicke an den Türgriffen unterbricht Sartorelli. Mal lässt er sie versuchsweise weit von unten, mal von oben schwingend zum Heck laufen. Aber bei Karmann sieht man ohne optisch störende Wellenbildung nur die Möglichkeit, eine kurze Schwinge ins Blech zu pressen. Mit der für die Serie realisierten Gestaltung der Front ist man im Designstudio Ghia nicht ganz glücklich. Luigi Segre präsentiert noch nach Serienanlauf alternative Entwürfe für ein modifiziertes Frontdesign mit einer anderen Anordnung der Doppelscheinwerfer.

Parallel zum Basisfahrzeug, dem Typ 3, zeigen Karmann und Volkswagen im September 1961 auf der Frankfurter IAA den Typ 34 als zwei-plus-zwei-sitziges Coupé. Der neue Karmann Ghia 1500 bietet einen großen, anständig ausgestatteten Innenraum. Der großzügig verglaste Dachaufbau mit seinen filigranen und hohen Pfosten wirkt neben dem „kleinen“ Karmann Ghia 1200 erwachsener und Repräsentativer. Genau so, wie seine Väter sich das ja nun auch gedacht und erhofft haben.

Technisch basiert der „Große Karmann“ auf dem weitgehend unveränderten Typ 3 aus Wolfsburg. Er macht dessen technische Entwicklung treu mit. Zuerst ist er mit 45 PS aus 1.493 ccm Hubraum eher bescheiden motorisiert. 1963 bekommt er den 54 PS starken Doppelvergaser-Motor aus dem 1500 S. Von 1965 bis 1969 wird der Karmann Ghia 1600 L mit gleicher Leistung aus 1.584 ccm gebaut.

Äußerlich bleibt das Coupé während seiner Bauzeit unverändert, im Innenraum tut sich etwas mehr: Die Seitenverkleidungen werden geändert, aus Stoff wird Kunstleder. 1966 wird der Zentraltacho im Armaturenbrett vergrößert, das optionale Schiebedach kann ab 1962 elektrisch bedient werden.

Die Prototypen: Typ 34 Cabriolet und Karmann Ghia 1600 TL

Wie auch beim Käfer und beim Typ 14 plant Karmann schon fast traditionell ein Cabriolet. In Wolfsburg sieht man für einen weiteren offenen Wagen in der Modellpalette keine guten Marktchancen. So wird die geplante Serienentwicklung gestoppt, nur wenige Prototypen werden gebaut. Heute ist einer von ihnen in der Automobilsammlung Volkswagen Osnabrück zu Hause. Volkswagen Classic präsentiert ihn 2011 bei zahlreichen Events wie der Kitzbüheler Alpenrallye im Mai oder der Sachsen Classic im August.

In der Osnabrücker Sammlung ist auch ein weiteres Unikat zu finden: Das Karmann Ghia 1600 TL genannte Schrägheck-Coupé. Ein eleganter und 1965 parallel zur Wolfsburger Fließheck-Limousine 1600 TL entwickelter Entwurf. Der Karmann Ghia 1600 TL verfügt über eine große Heckklappe und eine umklappbare Lehne der Rücksitzbank. Dem 1963 gestorbenen Luigi Segre hätte die Front dieser Studie vielleicht gefallen können: Die Doppelscheinwerfer stehen direkt nebeneinander, eine Chromblende hält sie optisch zusammen.





Ende 1968 erhält Wilhelm Karmann persönliche – und wenig erfreuliche – Post aus Wolfsburg: „Zur rechtzeitigen, gegenseitigen Planung teilen wir Ihnen mit, dass wir die Produktion des Typ 34 im nächsten Jahr einzustellen gedenken“. Die Verkaufszahlen kommen einfach nicht an die des „kleinen“ Karmann heran. So ist, nach immerhin 42.500 Exemplaren, am 30. Juni 1969 Schluss für den „großen Karmann“.

Quelle: Gerhard Prien